• Tamara Tegethoff

PROLOG

Updated: Mar 19


Die Sonne war bereits fast gänzlich hinter dem Horizont versunken als die beiden Kinder den bewaldeten Weg am Hang erreichten, der hoch in ihre Siedlung führte. Der Tag war sengend heiß und komplett windstill gewesen und endete nun auch so.


Letzter Tag der Sommerferien.

Morgen würde das Mädchen in die dritte Klasse kommen, der Junge in die vierte.

Die Schatten auf dem Weg wurden immer länger und dunkler, als die Sonne nun komplett hinter dem Horizont verschwand und das Orange des Himmels, dort, wo sie noch vor ein paar Minuten gewesen war, sich zusehends dunkler färbte. Das auf und absteigende Geräusch von Autos auf der Autobahn zwanzig Meter unter ihnen, klang fast wie das Geräusch der Meeresbrandung. Die schnellen Lichter dort unten würden schon bald zur einzigen Lichtquelle werden.


Das Mädchen erzählte aufgeregt und wild gestikulierend irgendetw


as. Der Junge schwieg, entweder zuhörend oder abwesend. Keiner von ihnen bemerkte die Gestalt, die ihnen geräuschlos folgte und immer mehr mit der heraufsteigenden Dunkelheit verschmolz.

Kurz bevor der Weg endete wurde er nochmal steiler. Vorne konnte man schon durch die dunklen Bäume die ersten Lichter in den Fenstern der Häuser sehen. Die Laternen auf der Anwohner-Straße gingen eine nach der anderen an; bald würden auch die Lichter auf dem Weg automatisch eingeschaltet werden.

Die Gestalt wusste sie musste sich nun beeilen. Sie lief los, direkt auf die Kinder zu. Kurz bevor sie sie erreichte, trat sie auf einen kleinen trockenen Zweig. Das viel zu laute Knacken ertönte genau in der Sekunde, als das Mädchen eine Sprechpause machte. Im nächsten Moment stießen zwei erwachsene Hände sie hart gegen die hölzerne Brüstung, die den Weg von der untenliegenden Autobahn abgrenzte. Das Knacken aus Holz wiederholte sich – diesmal lauter, tiefgreifender, endgültiger. Die Brüstung gab abrupt nach und das Mädchen fiel.

Viel zu schnell und unkontrolliert rollte sie die steile Böschung hinab, während Äste Und Dorne sie zerkratzen und sich durch ihre Haut bohrten. Das letzte Stück war so steil, dass sie einige Meter auf die Autobahn durch die Luft flog.

Das letzte, was sie spürte, war der harte Aufprall auf dem Asphalt und die Luft, die aus ihren Lungen herausgepresst wurde.


Cinthe schrie.


Der gellende Laut, der sich kaum noch menschlich anhörte, erfüllte das dunkle Kinderzimmer, das im nächsten Augenblick in helles Lampenlicht getaucht wu


rde – also hätte der markerschütternde Schrei die Macht gehabt aus Dunkelheit Licht werden zu lassen.

Ein Mann und eine Frau versuchten vergeblich an das unkontrolliert strampelnde und wie von Sinnen kreischende Mädchen heranzukommen und sie zu beruhigen.


Es dauerte dreiundzwanzig Minuten, bis Cinthe aufhörte zu schreien. Und das war nicht, weil das Grauen von ihr endlich abgelassen hätte, sondern, weil sie körperlich einfach nicht mehr dazu imstande war und kein Laut mehr aus ihrer schmerzenden Kehle kommen wollte.

Es dauerte vier Jahre und drei Therapiestunden in der Woche, bis Cinthe, die Menschen, die sich ihre


Familie nannten, als solche akzeptiert hatte und glaubte sie wiederzuerkennen.

Das markerschütternde Entsetzen ihres eigenen Todes, das sie damals, mit sieben Jahren erfahren hatte, konnte sie die nachfolgenden neunzehn Jahre nicht abschütteln.


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