• Tamara Tegethoff

TEIL 1

Updated: Mar 20



„Hi, ich bin Katharina


, aber du kannst mich Kati nennen!“


Die junge Frau strahlte über's ganze Gesicht und machte eine einladende Geste, damit Cinthe ihr folgte. „Da vor


ne ist die Gemeinschaftsküche, da ist genug Platz für die ganze WG und wir machen auch öfters mal Spiele-Abende zusammen, da musst du unbedingt mitmachen! Magst du Spiele?“ Ihre Blicke trafen sich kurz, als Kati sich im Gehen umdrehte – jedoch nicht lang genug, dass Cinthe antworten konnte. „Ich weiß, nicht jeder mag Brettspiele und Kartenspiele und so“, fuhr Kati fort, „aber wir haben echt coole! Wenn du eher auf Videospiele stehst, wir haben auch zwei Konsolen im Wohnzimmer. Das ist hier direkt gegenüber. Also eigentlich drei, aber eine ist bei der letzten Party kaputt gegangen, da hat jemand Bier drüber verschüttet. Aber ist nicht schlimm, das war eh die älteste und die Spiele dafür waren so naja. Also, war schon auch gut, aber ist jetzt kein großer Verlust. Da hinten sind die Badezimmer.“

Sie deutete den langen Flur entlang. „Also da sind zwei Gästeklos und ein Badezimmer mit einer Badewanne. Wenn du in die Wanne willst, musst du dich auf dem Zettel eintragen, der an der Tür hängt. Und höchstens zwei Stunden! Aber man ist eh nach spätestens einer Stunde so verschrumpelt, dass man raus will.“ Sie lachte kurz auf. „Und du hast in deinem Zimmer natürlich auch ein Bad, wie heißt das? En suite oder so? Irgendwas Französisches. Hab‘ ich abgewählt in der Schule, Kack-Sprache! Jedenfalls ein Bad, das zu deinem Zimmer gehört und in das man nur durch dein Zimmer reinkommt. Aber da ist nur eine Toilette und Dusche drin, keine Badewanne. Das ist bei allen Zimmern so. Ansonsten haben wir noch die Garderobe, hast du ja beim Reinkommen gesehen, das reicht gerade so für uns sechs, also ich hoffe du hast keine Unmengen an Jacken und Schuhen!“



Diesmal war die Pause lang genug, dass Cinthe das Gefühl beschlich eine Antwort wurde erwartet. Sie schüttelte ein wenig zu vehement den Kopf. „Ne.“

„Gut!“ Kati lächelte breit. „Ich habe nämlich zu viele Schuhe! Aber hey, eine Straße weiter ist dieser süße kleine Laden und die haben ständig Ausverkauf und da komm ich fast jeden Tag dran vorbei. Ist halt auch schwer sowas. Welche Schuhgröße hast du? Ah, ich glaube so wie ich, dann kann ich dir Schuhe leihen, wenn du willst! Wenn du mal was Besonderes brauchst, so richtig sexy Pumps oder so, für ein heißes Date, ne?“


Cinthe schielte unauffällig zu ihren beturnschuhten Füßen. „Ja. Danke. Das ist nett.“

„Na klar! Wir müssen doch zusammenhalten hier! Außerdem: Ich mag so Zweck-WGs nicht, das ist immer so unpersönlich. Ich war vor dieser hier in einer drin, da hockten alle immer nur auf ihren Zimmern und lernten! Aber, das waren auch Jura-Studenten, daher. Naja. Da war ich irgendwie falsch. Hier bin ich jetzt seit einem Jahr und es ist super! Aber wir hocken uns jetzt hier auch nicht ständig auf der Pelle, so is‘ nicht!“ Sie schüttelnde mit einem entrüsteten Gesichtsausdruck den Kopf. „Jeder kann sich auch mal zurückziehen, verstehst du.“


Cinthe überlegte, ob sie sich nach


der Zimmerverfügbarkeit in der Jura-WG erkundigen sollte.


Sie gingen ein paar Schritte den langen, schmalen Flur weiter zu einer Biegung und Kati fuhr mit ihrer Führung fort: „Da hinten, da sind die ganzen Zimmer. Ganz rechts bei der Notausgangstreppe, das ist deins, da kannst du erstmal deinen ganzen Kram ablegen und einräumen und dekorieren und so. Deko hab‘ ich übrigens auch ganz viel. Ich sortiere auch gerade aus, ich hab‘ da diese Kiste vor meiner Tür stehen, siehst du, da? Da kannst du dir einfach irgendwas rausnehmen, was dir gefällt. Ich brauch die Sachen eh nicht mehr. Brauchst du Hilfe beim Hochtragen? Ist gerade sonst keiner zu Hause, aber ich bin stark, ich kann dir helfen!“


Cinthe räusperte sich verlegen und deutete auf die große Tasche zu ihren Füßen und dem Rucksack, den sie auf dem Rücken trug. „Ich habe sonst nichts“, sagte sie. Oh Gott, das klang, als hätte sie sonst nichts auf der Welt und wäre komplett bedauernswert. „Mit“, ergänzte sie schnell.


Sie hatte das Gefühl wie ein blödes


Reh im Scheinwerferlicht zu starren, also blinzelte sie. Dreimal.


„Oh“, sagte Kati aus dem Konzept gebracht. „Ja. Ok. Dann lass ich dich mal auspacken.“ Es entstand eine Pause, in der sich keiner rührte. „Also, ich hab‘ jetzt ein Tutoren-Treffen“, sagte Kati schließlich. „Wir sehen uns dann einfach später, ja?“ Sie drehte sich um und ging den Flur wieder runter, von wo sie ursprünglich gekommen waren und nahm eine große, tiefrote Umhängetasche von der Garderobe. Als sie nach der Eingangstür griff, drehte sie sich abrupt wieder um. „Ach so! Heute ist die Ersti-Party! Da musst du unbedingt kommen, ja? Die geht schon in ein, zwei Stunden los!“ Sie sah Cinthe erwartungsvoll an. Verdammt, schon wieder so eine nicht-rhetorische Frage. „Ja, also, mal gucken. Ich muss erst mal auspacken. Und ankommen und so.“



„Nein, wirklich! Bitte, komm! Das wird richtig super! Ich will, dass du dich hier wohl fühlst und direkt alle coolen Leute kennenlernst und auf der Ersti-Party geht das am besten. Ich war am Anfang voll aufgeschmissen, weil ich mitten im Semester gewechselt hab und das hat echt eine Weile gedauert, bis ich mich wirklich eingelebt und Leute kennengelernt hab.“ Ihr Gesicht wurde plötzlich ernst. „Die Uni kann ein verdammt einsamer Ort sein. Deswegen überrede ich immer alle, die neu ankommen auf die Ersti-Party mit mir zu gehen. Also versprich es!“


Kati klang so unerwartet aufrichtig und ehrlich wohlwollend, dass Cinthe unwillkürlich nicken musste. „Ok. Ich versuch’s.“

„Du wirst es nicht bereuen!“ Noch ein strahlendes Lächeln von Kati und schon war sie weg. Mit ihrem Abgang kehrte eine ungewohnte Stille ein.

Verflucht noch mal. Eine Party, direkt am ersten Abend.


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